Professor Hayao Kawai, 1928 – 2007


Hayao Kawai, der erste Studierende aus Asien, der sich am C.G. Jung-Institut Zürich in den frühen 60-er Jahren ausbilden liess, ist am 19. Juli 2007 verstorben, nachdem er im August des vergangenen Jahres einen schweren Schlaganfall erlitten hatte.

Professor Kawai hatte ursprünglich Mathematik studiert und begann sich anschliessend für Psychologie, insbesondere für den Rorschach-Test, zu interessieren. Als er in der Folge ein Stipendium für eine Fulbright Scholarship erhielt, arbeitete er am UCLA (University of California at Los Angeles) mit dem Rorschachexperten Bruno Klopfer zusammen, welcher zufällig auch Jungscher Analytiker war. So gab eins das andere, und da ihn Klopfer und Marvin Spiegelmann, ein Absolvent des Zürcher Instituts, dazu ermutigten, reiste Kawai 1962 nach Zürich und bildete sich zum Analytiker aus. Hier am Institut verbrachte er drei entscheidende Jahre seines Lebens; er lernte unter anderm bei ‘Jungianern der ersten Generation’, bildete sich ausserdem bei Dora Kalff in Sandspiel aus und kehrte nach Erhalt des Diploms 1965 nach Japan zurück.

Er war der erste Jungsche Analytiker in seinem Heimatland und gründete da die Jungsche Gesellschaft, die Association of Jungian Analysts, Japan (AJAJ); er hatte von da an zeit seines Lebens eine wichtige Brückenfunktion zwischen Ost und West. Bald wurde ihm klar, dass Übersetzung allein nicht der richtige Weg sein konnte, die Jungsche Zugangsweise an die japanische Psyche heran zu tragen, und so führte er häufig zusätzlich Sandspiel ein; er war Gründungsmitglied und erster Präsident der ‚Japanischen Gesellschaft für Sandspieltherapie’, ausserdem Gründungsmitglied und später Präsident der ‚Internationalen Gesellschaft für Sandspieltherapie’.

Er hatte eine natürliche Begabung zu lehren, und so war er von 1972 bis 1992 Professor für Analytische und klinische Psychologie sowie Dekan der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Kyoto. Ausserdem nahm er weit über seine Emeritierung hinaus viele andere verantwortungsvolle Funktionen wahr. Seine Laufbahn gipfelte darin, dass er 2001 zum japanischen Kulturminister ernannt wurde, eine Regierungsposition, welche er bis zu seiner tödlichen Erkrankung innehatte. In dieser Rolle blühte er richtig auf und konnte all seine Ideen einbringen, die er im Laufe seiner langen Karriere und im Austausch zwischen Ost und West gesammelt und entwickelt hatte. Insbesondere liebte er es, sein Heimatland zu bereisen, wobei er seine Mitbürger dazu ermutigte, „die kollektive Depression der Zeit mit kunstreichem Tun zu behandeln”.

Hayao Kawai wurde 1982 zum ersten Mal zu einer Eranos-Konferenz nach Ascona eingeladen; danach kam er öfters wieder, um Vorträge zu halten. Er führte dabei geschickt seine Pionierrolle als Botschafter zwischen Ost und West weiter. Seine Eranos-Vorträge wurden die Basis für sein Buch Dreams, Myths and Fairy Tales in Japan (Daimon, Einsiedeln, 1995). Er hat in japanischer Sprache über eine Menge von Themen publiziert; sein breites Wissen, seine Einfühlungsgabe und sein Humor machten ihn zu einer in der Öffentlichkeit äusserst beliebten Gestalt, und dies lange bevor er Kulturminister wurde. Er hielt häufig Vorlesungen oder erschien an öffentlichen Veranstaltungen oder in Fernsehsendungen. Manchmal reiste seine Flöte mit ihm, und es konnte vorkommen, dass sein Publikum ein kurzes Konzert zu hören bekam – bestehend aus japanischer sowie klassischer westlichen Musik. Er war Autor vieler in Japan sehr bekannter Bücher, u.a. über Mythologie, Märchen und Psychologie. Seine Schriften über den japanischen Priester Myôe sind in viele Sprachen übersetzt worden, u.a. auch in Deutsch und Englisch; auch einige seiner andern Werke liegen in Übersetzungen vor.

In einem längeren Interview für den IAAP Newsletter 2004 beschreibt Hayao Kawai sein Leben, seine Erfahrungen in Zürich und seinen Zugang zur analytischen Arbeit offenherzig und voller Humor. (IAAP Newsletter 25, hrsg. von Patricia Skar).

Er hinterlässt seine Gattin, drei Söhne und mehrere Enkelkinder. Sein Sohn Toshio, ebenfalls Absolvent des Zürcher Jung-Instituts, lebt und praktiziert heute in Kobe, Japan.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ist Hayao Kawai immer wieder nach Zürich und nach Europa zurückgekehrt, nicht nur in seiner Funktion als japanischer Kulturminister, sondern auch im Dienste all der andern Themen und Interessen, für die er sich einsetzte, nicht zuletzt der Analytischen Psychologie.


Robert Hinshaw

infolino – January 2008 C.G. Jung-Institut Zurich, Küsnacht